» Der dankbare Tierschutzhund – ein Mythos?

Dankbare Tierschutzhunde – Mythos oder Realität?

Um im Vorfeld gleich die Spannung zu nehmen – beides! Wir möchten an dieser Stelle die Geschichten von drei Hunden aus dem Refugio erzählen: die von Toto und Nando einerseits und jene von Monty andererseits.

Doch bei wem anfangen? Bei der flauschigen, puscheligen Geschichte oder bei der Geschichte mit Ecken und Kanten? Fangen wir bei dem komplizierteren Fall an, nicht, dass jemand gleich die Schmusegeschichte liest und dann den Rest ignoriert – ein Happy End gibt es allerdings bei beiden Geschichten, dieses vorweg als Spoiler.

Toto und Nando kamen als Welpen ins Refugio in Andújar, waren entsprechend – trotz der hervorragenden Arbeit der Mitarbeiter dort – nicht an Umweltreize gewöhnt und erst recht nicht an fremde Menschen oder an direkten Kontakt mit anderen Hunden. Die Brüder waren immer zusammen und warteten seit über vier Jahren auf eine Möglichkeit, ein anderes Leben kennenzulernen. Eine Trennung der beiden wäre eine theoretische Option gewesen, nachdem wir die beiden jedoch im Refugio gesehen hatten, war uns klar, dass dies nicht sein darf, und so entschlossen wir uns dazu, den beiden gemeinsam eine Chance zu geben. Dazu muss man sagen, dass wir das große Glück haben, in Spanien auf einer Finca mit großem, komplett sicher eingezäuntem Grundstück zu leben, bereits mit einigen anderen Hunden.

Bei unserem Besuch im Refugio verkrochen sich beide vor Angst in die letzte Ecke und versuchten wortwörtlich im Erdboden zu verschwinden. Anfassen war unmöglich und die Angst und Panik vor uns war beiden Rüden deutlich anzusehen und zu spüren.
Nach kurzer Überlegung entschlossen wir uns, die beiden zu uns zu nehmen. Wir kauften isolierte Hundehütten, da wir nicht davon ausgingen, dass die beiden das Haus betreten würden. Wir nahmen am, dass die Jungs auf dem großen Grundstück nur draußen bleiben und wir zunächst maximal Sichtkontakt beim Füttern haben würden.

Nach ca. vierstündiger Fahrt kamen sie bei uns an und waren durch nichts dazu zu bewegen, die Box zu verlassen, die zum Glück in unserem VW-Bus stand. Keine Wurst, kein Käse, nichts konnte die beiden dazu bewegen, sich nicht panisch in die letzte Ecke zu drücken.
Okay, Auto und Box offenlassen und abwarten. Alle weg, wir und die anderen Hunde sowieso. Nachts sind sie dann herausgekommen und haben sich – interessanterweise recht dicht am Haus – ihre sichere Ecke gesucht. Entsprechend Boxen umgestellt und abgewartet. Die ersten Wochen war eine Annäherung unmöglich, sowohl von uns als auch von den anderen (sehr hundekompatiblen) Hunden. Füttern ging nur bei absoluter Ruhe, alle ins Haus und bloß keine komischen Geräusche – was auf dem Land in Spanien nicht so einfach ist… Entfernte Nachbarn, Jäger, Wind, was auch immer führte zu einer Verweigerung der Nahrungsaufnahme. Aber es wurde über Wochen minimal Stück für Stück besser. Wir haben Toto und Nando in Ruhe gelassen, im Vorbeilaufen freundlich angesprochen und ansonsten zu nichts gezwungen.

Dann kam der Alptraum: Aufgrund von Bauarbeiten musste das Tor offen bleiben und alle Hunde mussten ins Haus… Nun denn, Toto und Nando also auch. Da die beiden sich vor Panik eher in die Ecken pressen als abzuhauen oder zu beißen, konnten wir sie ins Haus tragen. Dass dabei sowohl wir als auch die Wand vor lauter Angst angepinkelt wurden, war fast naheliegend. Aber sie waren drinnen. Aber wie wieder raus? Also wieder tragen (Leine oder Geschirr waren keine Option, da das noch mehr Angst gemacht hätte). Und wieder vollgepinkelt… Egal, auch das haben wir geschafft. Interessanterweise hat diese Aktion unser Verhältnis nicht nachhaltig gestört, eher im Gegenteil (das ist keine Aufforderung, Angsthunde durch die Gegend zu tragen!).

Es kam dann nämlich ein exorbitantes Gewitter. Die Jungs eigentlich draußen, wie immer. Aber offensichtlich mit mächtig Schiss… Um das Haus gelaufen… Dann alle anderen Hunde kurz zur Seite gepackt, Türen alle auf uuuuuund… die Jungs kamen ins Haus und liefen auch gleich nach oben, wo sie bereits zur „Bauarbeiterzeit“ waren. Yeah, das Doppelpack der Individualisten im Haus… Huch, und was machen wir morgen? Egal, jetzt sind sie erst einmal sicher und drinnen.
Unglaublich dann am nächsten Tag… Alle anderen Hunde wieder weg, die beiden gerufen, hups, sie kommen runter und laufen raus…

 Um nicht noch 87 Seiten zu schreiben – seit dieser Zeit geht es (wenn auch mit minimalen Schritten) ständig aufwärts. Nach inzwischen fast anderthalb Jahren sind Toto und Nando noch immer zurückhaltend mit unseren anderen Hunden, außer mit Bruce, einem alten Mastín Español, den wir im Juni diesen Jahres adoptiert haben. Sie freuen sich wie Bolle, wenn wir uns „draußen treffen“, kommen auch an die Hand und lecken diese ab. Kraulen und kuscheln geht nur sehr selten, Veränderungen regen sie auf.

Die beiden sind überhaupt keine Sofa-/Kuschelhunde, aber wir sind so glücklich, dass wir nach so langer Zeit keine panischen Hunde mehr antreffen, sondern selbstbewusste, freundliche, glückliche und vor allem autarke Jungs vorfinden. Toto und Nando toben miteinander und fangen inzwischen an, auch andere Hunde von uns zum Toben aufzufordern. Gelegentlich lassen sie sich dazu herab, auch von uns bespaßt zu werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Exzentriker immer noch sehr individuell sind, aber ihre Fortschritte sind in anderthalb Jahren für uns unglaublich. Natürlich muss man dazu sagen, dass die beiden nicht die einzigen Hunde hier sind. Mit exklusiver, individueller Bekümmerung wäre es sicher schneller gegangen.

FAZIT: Die glücklichen Gesichter, der Spaß am Leben, das ist den beiden anzusehen. Sie sind jetzt seit anderthalb Jahren hier, nicht sofakompatibel, nicht pauschal kuschelbar, aber offensichtlich happy. Es hat sehr lange gedauert, aber es hat sich gelohnt.


Und nein, wir können ihnen kein Geschirr anziehen, wir gehen nicht Gassi, aber das müssen wir auch bei dem großen Grundstück nicht. Aber wir bekämen sie jeder Zeit zum Tierarzt – im Zweifelsfall vollgepinkelt.
Wir hatten vorher nie solche Angsthunde. Die beiden sind der Knaller. Ja, es dauert. Ja, es kann gepinkelt werden. Ja, Veränderungen sind blöd. Ja, es ist nicht die viel gepriesene Dankbarkeit. Aber diese glücklichen Gesichter gleichen es aus. Auch ohne Sofaambitionen der Hunde. Auch wenn es ewig dauert. Es wird, wenn ihr sie lasst.


Und nun die andere Seite: Monty!

Durch Misshandlungen körperlich ziemlich kaputt. Uh, Herdenschutzhund. Kaputte Hüfte. Auch den haben wir bei unserem Besuch im Refugio kennengelernt. So lieb, so freundlich.

Auch da wieder…Wohin mit dem? Okay, zu uns! Und Monty definiert jeden Tag aufs Neue den dankbaren Tierschutzhund. Wir haben noch niemals einen so freundlichen, geduldigen und – ich muss es jetzt doch sagen – dankbaren Hund erlebt. Monty kam an, stieg aus, ging herum, ging in das Haus und legte sich tief seufzend in sein orthopädisches Bett.

Er ist hier der Onkel für alle, jeder neue Hund sucht seine Nähe und sobald er uns hört und / oder sieht, BÄM BÄM BÄM, wedelt die Rute. Monty hat wohl sehr schlimme Erfahrungen mit Menschen gemacht. Aber Monty ist „dankbar“. Für Zuneigung, sein weiches Bett, seinen Platz in der Sonne und seine „Gemüsestäbchenhunde“ (das sind die Kleinen aus dem Refugio, die auch hier wohnen).

Er ist der coolste Hund aller Zeiten, der so tiefenentspannt und trotz seines vorherigen Lebens so ausgeglichen ist wie kein anderer Hund.


So, und unser Resümee:
Sind Tierschutzhunde dankbar? Wir würden sagen, sie sind es. Oder wenn nicht dankbar, dann glücklich. Manche brauchen nur viel Zeit. Und selbst dann kann es sein, dass sie keine Sofa/- Kuschelmonster werden. Und dass es ganz viel Zeit und Arbeit und Geduld und Ruhe braucht. Wenn Ihr das habt, werdet Ihr überrascht sein, was Ihr zurückbekommen werdet. Ob es dann tatsächlich Dankbarkeit ist, ist völlig egal.


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